Neuerscheinungen

Raum - Landschaft - Territorium. Zur Konstruktion physischer Räume als nomadische und sesshafte Lebensräume.

von R. Kath und A. Rieger
Nomaden und Sesshafte 11.
2009. 8° 316 S., geb., ISBN 978-3-89500-656-2, € 78,–

Der Umgang mit Raum, seine Konstruktion, Erschließung und Wahrnehmung stehen im Mittelpunkt dieses Bandes. Aus der Sicht verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen (Geographie, Alte Geschichte, Archäologie und Ethnologie) beleuchten die Beiträge, wie physische, natürliche Räume zu kulturell oder politisch abgrenzbaren Räumen werden und vom Menschen geprägte Landschaften und Territorien entstehen. In den Beispielen aus verschiedenen unterschiedlichen Regionen, Kulturen und Epochen, die vom heutigen Sudan über Nordafrika und den Mittelmeerraum in klassischer Antike und Mittelalter bis in das Hochland von Tadschikistan und den kaukasischen Steppenraum reichen, wird die kontrastierende Verschiedenartigkeit diskutiert, mit der nomadische und sesshafte Kulturen mit ihrem jeweiligen (Lebens)raum umgehen. Die in den Beiträgen angesprochenen Aspekte des Raumbegriffs reichen dabei von natürlichen Determinanten des Raumes bis hin zu dem Raum eingeschriebenen Deutungen. Bereits die Beiträge aus der physischen Geographie zeigen auf, dass die verschiedenen Definitionsmöglichkeiten von „Raum“ letzten Endes zu keiner klaren Abgrenzung oder Aufteilung von räumlichen Einheiten auf der Erdoberfläche führen. Die in den meisten Fällen gegebene Überlappung von Räumen, die durch natürliche Parameter determiniert sind, bedeutet, dass eine Zuweisung von nomadischen oder sesshaften Lebensformen an bestimmte Räume bereits unter physisch-geographischen und bodenkundlichen Gesichtspunkten nicht möglich ist, und eröffnet den ethnologisch und historisch arbeitenden Disziplinen Perspektiven einer stärker diskursiven Deutung von Räumen, wie etwa die strukturelle und symbolische Erschließung von Räumen oder die Lesbarkeit des anthropogen überprägten Raumes bzw. der Landschaft.
Daraus ergeben sich drei Themenkomplexe, die die Struktur des vorliegenden Bandes bestimmen: Zum einen kreisen die Fragen zum Raum um die Dichotomie von Kultur und Natur, von Überschneidung und Einheit eines physischen Raumes mit einem Raum wirtschaftlicher und sozialer Handlungen (1. Definierbarkeit von Räumen). Zum anderen befassen sie sich mit dem Spannungsfeld, das zwischen realer Aneignung eines Raumes und deren Mitteln einerseits und der ideellen Belegung von Raum mit Bedeutung, mit Symbolgehalt andererseits besteht. Diese Zuweisung von Deutungen durch unterschiedliche Gruppen konstruiert einen Raum – unabhängig von seinen tatsächlichen physischen Eigenschaften oder seiner territorialen Zugehörigkeit (2. Raumaneignung und Deutung des Raumes). Zudem werden Aspekte der Raumwahrnehmung und -vorstellung thematisiert, die zeigen, wie Wissen, Information, Verständnis über Raum die Deutungsmacht bestimmter Gruppen determiniert. (3. Raumwahrnehmung und Raumbilder).

Skythika in Transkaukasien. Reiternomadische Sachkultur im archäologischen Fundkontext.

von Gundula Mehnert
Nomaden und Sesshafte 10.
2008. 8° 342 S., geb. ISBN 978-3-89500-634-0, € 78,–

Die vorliegende Arbeit untersucht skythoide Funde in Transkaukasien, die bisher als Spuren nomadischer Kriegszüge in Vorderasien gedeutet wurden. Gundula Mehnert stellt das archäologische Material erstmals in seinem jeweiligen Fundkontext vor und charakterisiert es näher. Die Analyse einzelner Fundplätze in Georgien und Aserbaidschan zeigt regionale Unterschiede auf und belegt, dass Skythika in kleinen, begrenzten Mikroregionen zu verschiedenen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchten. In Abchasien beispielsweise zählen die Funde aus Bestattungen von Kulanurchva zur zweiten Gruppe der frühskythischen Periode, die noch vor Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. beginnt und bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts dauert. Dagegen stammen die reich ausgestatteten Einzelgräber von Nižnjaja Ešera, Achul-Abaa und Agudzera aus dem 6. bzw. 4. Jahrhundert v. Chr. von Angehörigen einer einheimischen aristokratischen Schicht. Die Gräber enthielten verschiedene Prestigeobjekte mit griechischem aber auch skythischem Formenrepertoire und werteten sie so auf. Sie beweisen jedoch nicht die Präsenz von Skythen, sondern bilden ein Phänomen, das auch in Abchazien und in Ostgeorgien auftritt, etwa in Einzelbestattungen in Cicamuri, Abano und Nacargora. Diese lokalen Bestattungen belegen, dass Einheimische bereits im ausgehenden 8. und frühen 7. Jahrhundert v. Chr. skythoide Waffen – etwa Pfeilspitzen – verwendeten.
Die Fundorte Ostgeorgiens und Nordwestaserbaidschans, die bisher als skythisch, bisweilen sarmatisch gedeutet wurden, zeichnen sich dagegen durch persische Fundobjekte aus und müssen deshalb vor dem Hintergrund eines allgemein präsenten, achaimenidischen Einflusses in Transkaukasien verstanden werden. Die Kontakte mit den Persern könnten auch die Waffenherstellung beeinflusst und dazu geführt haben, skythoide Formen in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends v. Chr. zu verwenden. Neben diesen spezifischen Deutungsmöglichkeiten skythoider Funde bietet das Buch mit einem ausführlichen Katalog- und Tafelteil einen differenzierten Einblick in wichtige, teils noch unveröffentlichte archäologische Fundkontexte der Späten Bronze- und Frühen Eisenzeit Transkaukasiens.

Die Alttürkenzeit in Zentralasien. Studien zu Archäologie und Geschichte pastoralnomadischer Gruppen und ihrer Interaktion mit Sesshaften vom 6.–8. Jh.

von Sören Stark
Nomaden und Sesshafte 6.
2008. 8° 608 S., geb., ISBN 978-3-89500-532-9, € 88,–

Zwischen der Mitte des 6. und der Mitte des 8. Jh.s wurden die zentralen Bereiche der Eurasischen Landmasse über weite Strecken durch die Großreichsbildung der Türk bzw. seiner Teilstaaten geprägt. Während dieser als "Alttürkenzeit" bezeichneten Periode erlebten die wechselseitigen politischen, kommerziellen und kulturellen Verflechtungen zwischen der pastoralnomadischen Welt Zentralasiens und ihren sesshaften Nachbarn in Iran, China und in den Oasen der Turanischen Senke bzw. des Tarimbeckens eine bemerkenswerte Blüte.

Im Fokus der vorliegenden Studie stehen die politischen, sozialen und kulturellen Beziehungen zwischen den Türk-Nomaden und der sesshaften Oasenbevölkerung des Mawarannahr. Die hier in unmittelbar vorislamischer Zeit existierenden Kleinfürstentümer Sogdiens und der benachbarten Mikrooasen standen in regem politischen und kulturellen Austausch mit den offenen Steppen und den dortigen politischen Entitäten der Türk bzw. der Türgeš. Zugleich sind insbesondere Sogder für diesen Zeitraum nicht nur als Fernhändler und Kolonisten mannigfach entlang der Fernhandelsrouten zwischen der Krim und Nordchina nachgewiesen, sondern spielten auch an den Ordu der Türk Qaγane eine wichtige Rolle als Handwerker, Beamte, Söldner, Missionare sowie als persönliche Gefolgsleute der nomadischen Reichseliten.

Ziel der Untersuchung ist eine differenzierende Analyse dieses Wechselspiels auf Grundlage archäologischer, literarischer und epigraphischer Quellen. Hierzu werden zunächst auf archäologischer Ebene die charakteristischen Elemente der materiellen Kultur des alttürkischen Kulturkreises einer kritischen Diskussion unterzogen. Unter Einbeziehung der verfügbaren literarischen und epigraphischen Quellen werden sodann jene politischen und sozialen Strukturen und Prozesse genauer betrachtet, innerhalb derer in alttürkischer Zeit Pastoralnomaden im Kontext der Gesellschaft und Kultur des sesshaften Mawarannahr bzw. sesshafte Mittelasiaten im Bereich pastoralnomadischer Staatlichkeit eine prominente Rolle spielten. Abschließend wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich diese Strukturen und Prozesse im archäologischen Material der sesshaften Kultursphäre des Mawarannahr abbilden, welchen Segmenten der Sach- und Geisteskultur und welchen sozialen Gruppen sie vornehmlich zugeordnet werden können.

Eine systematisierende Darstellung der Wechselbeziehungen zwischen den Pastoralnomaden aus der politischen und kulturellen Sphäre der Türk-Qaγanate und den sesshaften Oasengesellschaften des vormuslimischen Mawarannahr existiert bislang nicht. Die vorliegende Studie erhebt den Anspruch, archäologische Zeugnisse und Textquellen erstmalig gleichberechtigt und im direkten Vergleich zu Wort kommen zu lassen.